Kummerkasten, Prellbock und manchmal auch Lebensretter
Vor 50 Jahren hat der Arzt Klaus Thomas die Telefonseelsorge gegründet
/ 7000 ehrenamtliche Mitarbeiter / Zwei Millionen Anrufe pro Jahr
HAMBURG (dpa). Sie sind Kummerkasten, Prellbock, Spiegelbild und
manchmal Lebensretter. Und ihr Lohn ist der Dank von Menschen, deren
Verzweiflung, Angst, Liebeskummer oder Einsamkeit sie hin und wieder
lindern können. 7000 ehrenamtliche Mitarbeiter der Telefonseelsorge
kümmern sich jährlich um etwa zwei Millionen Anrufer.
Einfühlsame, sensible Zuhörer sind die Mitarbeiter der
Telefonseelsorge wie Friederike Jordt in Bremen. Foto: dpa
Sie hören Frauen, Männern und Kindern zu, die keinen
anderen Ausweg mehr wissen - anonym, kostenlos, rund um die Uhr
und ohne Tabus. Seit inzwischen 50 Jahren existieren in Deutschland
die Notfallnummern für Menschen in der Krise. Das Jubiläum
wird am 16. September mit einem Festgottesdienst im Berliner Dom
gefeiert.
Die 1956 vom Berliner Arzt, Pfarrer und Psychotherapeuten Klaus
Thomas gegründete Telefonseelsorge ist längst nicht mehr
nur eine "Lebensmüdenbetreuung". In Deutschland existieren
105 Einrichtungen, die meisten davon in gemeinsamer Trägerschaft
von evangelischer und katholischer Kirche. Seit die Deutsche Telekom
am 1. Juli 1997 die Kosten für sämtliche Gespräche
übernommen hat, sind die Anrufe gebührenfrei.
In den Gesprächen am Telefon spiegeln sich die Probleme der
Gesellschaft. Psychische Erkrankungen, Partnerschaftskrisen und
Einsamkeit sind die häufigsten Themen. "Es ist auffällig,
daß immer mehr psychisch Kranke anrufen", sagt Erich
Biel, Leiter der Telefonseelsorge in Freiburg. "Die Gesellschaft
verlangt ein hohes Maß an Durchsetzungsvermögen. Dem
sind viele nicht gewachsen. Manche Menschen fallen durch alle sozialen
Netze." Biel, seit 26 Jahren dabei, ist Theologe und Psychologe.
Fast zwei Drittel der Anrufer sind Frauen. Männer haben nicht
weniger Probleme, aber sie sind scheuer als Frauen und anders gepolt,
wie der 59jährige sagt. "Viele meinen, die Sache wird
auch nicht besser, wenn ich darüber rede." Leichter tun
sich Männer mit der Kommunikation via Internet. Dieses Angebot
wird immer stärker genutzt, 2005 gab es 15 000 Kontakte.
Mit der Handyschwemme Ende der 90er Jahre explodierte die Zahl
der Kinder, die sich telefonisch an Seelsorger wenden. "Es
gibt sehr viele Kids, die sich einsam fühlen, trotz intakten
Elternhauses und cooler Clique", erzählt Pastorin Friederike
Jordt, Leiterin der evangelischen Telefonseelsorge in Bremen.
Sich einlassen, aber auch loslassen können - das verlangt
Friederike Jordt von den Menschen, die sich als ehrenamtliche Telefonseelsorger
ausbilden lassen. Zwölf Monate lang werden die Bewerber auf
Herz und Nieren geprüft. "Die Menschen sind das Werkzeug
am Telefon. Da ist es gut, wenn sie sich selbst kennen", sagt
die 43jährige Ausbilderin.
Mancher hat selbst viel Leid erfahren und will nun helfen, es bei
anderen zu lindern. Es sind aber nicht nur Menschen mit sozialen
oder pädagogischen Berufen, die 12 bis 16 Stunden ihrer Freizeit
pro Monat opfern, um anderen zu helfen. Erich Biel hat beobachtet,
daß immer mehr Leute aus technischen Berufen "die andere
Seite kennen lernen wollen".
Manche machen sich keine Vorstellung davon, was sie erwartet, sagt
Biel. Zwar liege der Anteil suizidgefährdeter Menschen bei
unter einem Prozent. "Aber eine Vielzahl der Anrufer gehört
zu Hochrisikogruppen." Nicht immer gelingt es, verzweifelte
Menschen vom Äußersten abzuhalten. Und das Erlebnis der
Hilflosigkeit brennt sich ein.
Die Nummern der Telefonseelsorge: 08 00 / 111 0 111 oder 111 0
222, im Internet: www.telefonseelsorge.de
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