Ferndiagnose vom Online-Doc - Gesundheitsportale im Netz sind
für Ärzte vor Ort nicht nur Konkurrenz
Virtuell zum Internet-Doc zu surfen, statt sich vom Krankenbett
ins Wartezimmer des Hausarztes zu schleppen, und dann das rezeptfreie
Medikament über die Internetapotheke bestellen - Medizin-Websites
und ärztlicher Rat per E-Mail machen es möglich. Allein
auf den guten alten Hausarzt und Fachärzte vor Ort wollen sich
viele Patienten nicht mehr verlassen.
Blick auf das Gesundheitsportal Lifeline im Internet. Die Anbieter
dürfen nicht individuell beraten, sondern können nur allgemeine
Informationen liefern.
Die Internet-Angebote heißen "NetDoktor", "Qualimedic"
oder "Lifeline". Virtuell, interaktiv und modern kommen
sie daher und widmen sich allen Leiden von ADHS bis Vogelgrippe.
Medizinportale und Gesundheitsforen im Netz sind längst im
Cyberraum etabliert. Auch einige Krankenkassen bieten auf ihren
Websites interaktive Tests, sei es zum Diabetes- oder zum Herzinfarktrisiko.
Fast epidemieartig vermehren sich im Netz vor allem Mitteilungsforen,
in denen Patienten ihre Krankenakten zu Markte tragen.
Intensive Suche nach der ultimativen Therapie
Viele Patienten suchen heute in Foren, Internet-Lexika oder Online-Artikeln
nach der ultimativen Therapie, dem nie gehörten Rat, nach allem,
was der Hausarzt vielleicht nicht auf Lager hat. Oder sie wollen
nur eine zweite Meinung einholen. Das Internet hat das Verhältnis
von Arzt zu Patient gewandelt. "Der Patient ist heute interessierter
und besser informiert als früher", sagt Klaus Greppmeir,
Pressesprecher des NAV-Virchow-Bundes. Medizinische Beratung verlagere
sich ins Internet, so Martin Trinkaus vom Gesundheitsportal Lifeline,
"aber der Arzt vor Ort wird nie ganz ersetzt werden".
Generell sei es positiv zu sehen, "wenn der Arzt nicht mehr
alles erklären muss".
Einige Mediziner im Internet bieten, was der Kassenarzt um die
Ecke nicht leistet: 24 Stunden Öffnungszeiten, frei zugängliche
Fachliteratur, Austausch mit anderen Patienten. Zudem fällt
keine Praxisgebühr an, niemand wird auf das nächste Quartal
vertröstet, der Kranke kann anonym bleiben - die Hemmschwelle,
zum Beispiel über Depressionen oder auch sexuelle Krankheiten
zu reden, ist niedriger.
Dass es in Deutschland keine virtuelle Klinik gibt, hat vor allem
juristische Gründe. Die Berufsordnung verbietet Medizinern,
ihre Beratung "ausschließlich über Kommunikationsmedien
oder Computerkommunikationsnetze" zu leisten. Die Online-Dienste
suggerieren nur individuellen Rat, schränken im Kleingedruckten
aber ein, ihre Inhalte stellten nur "allgemeine Informationen"
dar und dienten der "unverbindlichen Unterstützung".
Populärmedizinische Websites seien "für Patienten
eine erste Orientierung", so NAV-Sprecher Greppmeir. "Das
ersetzt jedoch nicht das Gespräch mit dem Arzt auf Grundlage
eines vertrauensvollen Arzt-Patienten-Verhältnisses."
Wie ein virtueller Gesundheitsladen mutet zum Beispiel der "NetDoktor",
die Münchner NetDoktor.de GmbH an. Ein Lexikon informiert über
Symptome, Eingriffe und Medikamente, an anderer Stelle teilen sich
Anwender zu Themen wie "Rauchstopp", "Depression"
oder "Haarausfall" mit. Laut Nutzungsbedingungen sind
die Inhalte "ausschließlich zu Informationszwecken bestimmt".
Eine Gefahr, dass Patienten den Arztbesuch durch den Webdoc ersetzen,
sieht Geschäftsführerin Silke Haffner nicht. Das könne
"in Einzelfällen vorkommen", etwa bei nicht Krankenversicherten
oder Patienten, die die Praxisgebühr scheuen.
Auch Konkurrent Qualimedic sieht sich als Ergänzung, nicht
als Ersatz zum Arztbesuch. "Oft schicken wir die Fragenden
ausdrücklich zum Arzt", so Pressesprecher Sven Müller-Nothmann.
Seit 1999 betreibt die Kölner Arzt-AG das Portal. 8000 bis
10 000 registrierte Nutzer beraten die 62 Online-Docs monatlich.
Der Dienst finanziert sich über Werbung.
Zu den Marktführern zählt auch der Internetdienst Lifeline,
betrieben von der BSMO GmbH, die wie die "Ärzte Zeitung"
zur Springer Fachverlagsgruppe gehört. Seit 1997 ist Lifeline
online, finanziert durch Werbung und den Verkauf redaktionellen
Inhalts. Ähnlich wie bei Qualimedic antworten Fachärzte
kostenlos auf Patientenfragen. "Generelle und unverbindliche
Stellungnahmen" nennt Lifeline die Ärzte-Tipps. Eindringlich
warnt Lifeline vor Selbstmedikation.
Gütesiegel sollen für Qualität bürgen
Und welche Medizin-Seiten kann man als Arzt Patienten empfehlen?
Qualimedic-Sprecher Müller-Nothmann rät, auf Logos der
Zertifizierer AFGIS und HON zu achten. Die Schweizer Organisation
Health on the Net Foundation (HON) vergibt Gütesiegel für
medizinische Websites. Im Aktionsforum Gesundheitsinformationssystem
(AFGIS) haben sich Ärzte- und Patientenverbände, Portale,
Kassen und wissenschaftliche Institute zusammengetan.
Was Patienteninformationen wert sind, untersucht das Ärztliche
Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) in Berlin.
Wichtig sei, so ÄZQ-Mitarbeiterin Sylvia Sänger: Woher
stammen die Informationen? Werden mögliche Untersuchungen und
Behandlungen genau beschrieben? Welche Alternativen gibt es? Zu
beachten sei auch, "wer der Betreiber oder Sponsor der Seite
ist und welche Interessen er hat". Skepsis sei vor allem angebracht,
wenn Geld verlangt werde oder persönliche Daten abgefragt würden,
sowie "bei Sensationsberichten und Berichten über Wunderheilungen".
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