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Mittwoch, 9.1.2008, 00:13:12 Uhr
| | Kehrseite der Spaßgesellschaft – Depressionen breiten sich aus |
Nichts interessiert die Deutschen mehr als ihr Gemütszustand. „Wie geht’s?“ - so lautet die geläufige Frage am Anfang jeder Unterhaltung. Wer mit „Schlecht“ antwortet, stößt allerdings häufig auf Unverständnis.
„Traurigkeit und schlechte Stimmung sind in unserer modernen Spaßgesellschaft nicht gerne gesehen und werden lieber verschwiegen“, sagt Morad Ghaemi, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie in Bergheim bei Köln.
Das bedeutet freilich nicht, dass diese negativen Gefühle in Zeiten von allgemeinem Wohlstand nicht mehr da wären - im Gegenteil. Experten wie Ghaemi beobachten, dass psychische Erkrankungen sich immer mehr ausbreiten. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts durchleben in Deutschland 15 Prozent der Frauen und 8 Prozent der Männer innerhalb eines Jahres eine depressive Phase.
Ein besonders häufiger Auslöser ist Stress im Beruf. Die Angst vor Arbeitslosigkeit und gesteigerte Anforderungen wie hohe Flexibilität und Mobilität setzen viele Arbeitnehmer unter so massiven Leistungsdruck, dass sie irgendwann seelisch krank werden. Laut Bundesgesundheitsministerium zählen psychische Erkrankungen inzwischen zu den Hauptursachen für Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung - und dies, obwohl die Zahl der Krankschreibungen insgesamt zurückgeht: „Man kann dort in der Tat einen allgemeinen Rückzug verzeichnen - bei zeitgleich höherem Anteil psychischer Ursachen“, erläutert Ghaemi.
Gleichwohl ist Stress im Beruf nicht der alleinige Grund für die Entwicklung einer manifesten Depression. “Überforderung oder Mobbing im Job kann den Ausbruch allenfalls triggern, also auslösen“, sagt der Facharzt. In der Regel haben depressive Menschen nämlich auch noch in anderen Bereichen Probleme. Sie haben in der Kindheit traumatische Erfahrungen gemacht oder ein anstrengendes Familienleben in der Gegenwart. Ehekrach, Scheidung, Patchwork, Single-Dasein - solche Zustände gehören heute für viele Menschen zum Alltag. „Dabei ist ein intaktes soziales Umfeld sehr wichtig für eine stabile Psyche“, betont Ghaemi.
Die moderne, liberale Gesellschaft hat also offenbar auch ihre Schattenseiten. Weil der Einzelne an dieser Grundkonstellation aber kaum etwas ändern kann, raten Experten, am individuellen Lebenswandel, also im Kleinen anzusetzen. „Man sollte seine Möglichkeiten und Grenzen auch im Beruf akzeptieren und nicht erwarten, dass man jeden Leistungsanspruch erfüllen muss“, sagt Gerhard Bien, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie in Köln. Darüber hinaus sei es wichtig, sich persönliche Freiräume jenseits des Berufs- und Familientrubels zu schaffen und diese zu verteidigen. Das kann eine Sportart sein, eine Freundschaft, die man regelmäßig pflegt, oder ein bestimmtes Hobby.
Stattdessen griffen viele jedoch lieber zu Alkohol oder zu Beruhigungsmitteln, um kurzfristig und möglichst ohne großen Aufwand herunterzufahren. „Vor allem Männer neigen bei psychischen Problemen dazu“, sagt Bien. Häufig halten sie durch solche Verdrängungsstrategien die Probleme unter der Oberfläche und sitzen deshalb insgesamt auch seltener beim Psychotherapeuten als Frauen. Dafür reagieren sie dann früher oder später aber häufig mit anderen Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Herzinfarkt. „Männer sind insgesamt nicht seelisch gesünder als Frauen“, unterstreicht Bien.
Eine Depression eindeutig zu diagnostizieren, ist manchmal selbst für Ärzte nicht einfach - und für den Laien noch weniger. „Anders als beispielsweise bei einem gebrochenen Arm sind viele seelische Leiden und vor allem Depressionen von einem fließenden Übergang zwischen normal und krank gekennzeichnet, die Kriterien dafür sind nicht immer einfach zu ermitteln“, sagt Psychiater Ghaemi. Aber es gibt Anzeichen, bei denen man sich professionelle Hilfe holen sollte:
Schwere Antriebslosigkeit und Schlafstörungen, schwermütige Gedanken und ein Gefühl der absoluten Sinnlosigkeit gehören dazu. Darüber hinaus werden Depressionen häufig von körperlichen Symptomen wie beispielsweise Schluckstörungen, Zittern oder Magenschmerzen begleitet.
„Man sollte nicht zögern, zum Arzt zu gehen, wenn man Derartiges an sich bemerkt“, rät Psychiater Bien. Sowohl die medikamentösen als auch die psychotherapeutischen Behandlungsmöglichkeiten von Depressionen seien in den vergangenen Jahren erheblich verbessert worden. Wochenlange stationäre Aufenthalte sind nur noch in schweren Fällen notwendig. Meist führen schon ambulante Therapien zum Erfolg, während berufliche und Freizeitaktivitäten parallel weiterlaufen können. Die Medikamente indes sind deutlich besser verträglich, die Nebenwirkungen in der Regel moderat. „Wichtig ist, dass man konsequent bleibt und auch eine länger angelegte Behandlung durchhält - dann sind die Heilungschancen gut“, sagt Bien.
Thema: Depressionen
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