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Dienstag, 30.10.2007, 15:47:09 Uhr

Ferndiagnose vom Online-Doc - Gesundheitsportale im Netz sind für Ärzte vor Ort nicht nur Konkurrenz



Virtuell zum Internet-Doc zu surfen, statt sich vom Krankenbett ins Wartezimmer des Hausarztes zu schleppen, und dann das rezeptfreie Medikament über die Internetapotheke bestellen - Medizin-Websites und ärztlicher Rat per E-Mail machen es möglich. Allein auf den guten alten Hausarzt und Fachärzte vor Ort wollen sich viele Patienten nicht mehr verlassen.


Blick auf das Gesundheitsportal Lifeline im Internet. Die Anbieter dürfen nicht individuell beraten, sondern können nur allgemeine Informationen liefern.

Die Internet-Angebote heißen "NetDoktor", "Qualimedic" oder "Lifeline". Virtuell, interaktiv und modern kommen sie daher und widmen sich allen Leiden von ADHS bis Vogelgrippe. Medizinportale und Gesundheitsforen im Netz sind längst im Cyberraum etabliert. Auch einige Krankenkassen bieten auf ihren Websites interaktive Tests, sei es zum Diabetes- oder zum Herzinfarktrisiko. Fast epidemieartig vermehren sich im Netz vor allem Mitteilungsforen, in denen Patienten ihre Krankenakten zu Markte tragen.

Intensive Suche nach der ultimativen Therapie
Viele Patienten suchen heute in Foren, Internet-Lexika oder Online-Artikeln nach der ultimativen Therapie, dem nie gehörten Rat, nach allem, was der Hausarzt vielleicht nicht auf Lager hat. Oder sie wollen nur eine zweite Meinung einholen. Das Internet hat das Verhältnis von Arzt zu Patient gewandelt. "Der Patient ist heute interessierter und besser informiert als früher", sagt Klaus Greppmeir, Pressesprecher des NAV-Virchow-Bundes. Medizinische Beratung verlagere sich ins Internet, so Martin Trinkaus vom Gesundheitsportal Lifeline, "aber der Arzt vor Ort wird nie ganz ersetzt werden". Generell sei es positiv zu sehen, "wenn der Arzt nicht mehr alles erklären muss".

Einige Mediziner im Internet bieten, was der Kassenarzt um die Ecke nicht leistet: 24 Stunden Öffnungszeiten, frei zugängliche Fachliteratur, Austausch mit anderen Patienten. Zudem fällt keine Praxisgebühr an, niemand wird auf das nächste Quartal vertröstet, der Kranke kann anonym bleiben - die Hemmschwelle, zum Beispiel über Depressionen oder auch sexuelle Krankheiten zu reden, ist niedriger.

Dass es in Deutschland keine virtuelle Klinik gibt, hat vor allem juristische Gründe. Die Berufsordnung verbietet Medizinern, ihre Beratung "ausschließlich über Kommunikationsmedien oder Computerkommunikationsnetze" zu leisten. Die Online-Dienste suggerieren nur individuellen Rat, schränken im Kleingedruckten aber ein, ihre Inhalte stellten nur "allgemeine Informationen" dar und dienten der "unverbindlichen Unterstützung". Populärmedizinische Websites seien "für Patienten eine erste Orientierung", so NAV-Sprecher Greppmeir. "Das ersetzt jedoch nicht das Gespräch mit dem Arzt auf Grundlage eines vertrauensvollen Arzt-Patienten-Verhältnisses."

Wie ein virtueller Gesundheitsladen mutet zum Beispiel der "NetDoktor", die Münchner NetDoktor.de GmbH an. Ein Lexikon informiert über Symptome, Eingriffe und Medikamente, an anderer Stelle teilen sich Anwender zu Themen wie "Rauchstopp", "Depression" oder "Haarausfall" mit. Laut Nutzungsbedingungen sind die Inhalte "ausschließlich zu Informationszwecken bestimmt". Eine Gefahr, dass Patienten den Arztbesuch durch den Webdoc ersetzen, sieht Geschäftsführerin Silke Haffner nicht. Das könne "in Einzelfällen vorkommen", etwa bei nicht Krankenversicherten oder Patienten, die die Praxisgebühr scheuen.

Auch Konkurrent Qualimedic sieht sich als Ergänzung, nicht als Ersatz zum Arztbesuch. "Oft schicken wir die Fragenden ausdrücklich zum Arzt", so Pressesprecher Sven Müller-Nothmann. Seit 1999 betreibt die Kölner Arzt-AG das Portal. 8000 bis 10 000 registrierte Nutzer beraten die 62 Online-Docs monatlich. Der Dienst finanziert sich über Werbung.

Zu den Marktführern zählt auch der Internetdienst Lifeline, betrieben von der BSMO GmbH, die wie die "Ärzte Zeitung" zur Springer Fachverlagsgruppe gehört. Seit 1997 ist Lifeline online, finanziert durch Werbung und den Verkauf redaktionellen Inhalts. Ähnlich wie bei Qualimedic antworten Fachärzte kostenlos auf Patientenfragen. "Generelle und unverbindliche Stellungnahmen" nennt Lifeline die Ärzte-Tipps. Eindringlich warnt Lifeline vor Selbstmedikation.

Gütesiegel sollen für Qualität bürgen
Und welche Medizin-Seiten kann man als Arzt Patienten empfehlen? Qualimedic-Sprecher Müller-Nothmann rät, auf Logos der Zertifizierer AFGIS und HON zu achten. Die Schweizer Organisation Health on the Net Foundation (HON) vergibt Gütesiegel für medizinische Websites. Im Aktionsforum Gesundheitsinformationssystem (AFGIS) haben sich Ärzte- und Patientenverbände, Portale, Kassen und wissenschaftliche Institute zusammengetan.

Was Patienteninformationen wert sind, untersucht das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) in Berlin. Wichtig sei, so ÄZQ-Mitarbeiterin Sylvia Sänger: Woher stammen die Informationen? Werden mögliche Untersuchungen und Behandlungen genau beschrieben? Welche Alternativen gibt es? Zu beachten sei auch, "wer der Betreiber oder Sponsor der Seite ist und welche Interessen er hat". Skepsis sei vor allem angebracht, wenn Geld verlangt werde oder persönliche Daten abgefragt würden, sowie "bei Sensationsberichten und Berichten über Wunderheilungen".





Thema: Depressionen

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