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Dienstag, 15.4.2008, 19:19:50 Uhr

Einfache Maßnahmen verhindern viele Suizide



Noch immer töten sich in Deutschland etwa 10 000 Menschen pro Jahr selbst. Die Zahl ist zwar seit Jahren rückläufig, könnte aber noch weitaus niedriger sein, wenn der Zugang zu Suizidmethoden erschwert würde. So reduzieren etwa Sicherheitsnetze an Aussichtsplattformen die Suizidrate. Auch ein sensibler Umgang der Medien mit dem Thema kann helfen, Suizide zu verhindern.

Häufig beschrieben ist etwa der Werther-Effekt - die Imitation von Selbsttötungen. Ein solches Nachahmungsverhalten wurde bislang als Risikofaktor unterschätzt, stellte die Psychologin Yvonne Lembach von der Uni Mannheim beim Psychiatriekongress in Berlin fest. Sie hat über 200 Selbsttötungen im Saarland analysiert und mehrere ländliche oder kleinstädtische Orte mit erhöhten Suizidraten identifiziert. Hier kam es gehäuft zu ähnlich gelagerten Suiziden, etwa an Bahngleisen. Solche regionalen Suizidhäufungen zögen oft Folgesuizide im selben Ort oder in Nachbargemeinden nach sich.

Medienberichte: Risikofaktor für Nachahmer-Suizide
Für einen Nachahme-Suizid seien Mundpropaganda oder Berichterstattung in lokalen Medien Risikofaktoren. Präventiv sei es wichtig, Orte mit erhöhter Suizidrate zu lokalisieren und Hausärzte und lokale Medien entsprechend zu sensibilisieren. Besonders bedeutend sei auch die Aufklärung der Angehörigen und die Etablierung niedrig schwelliger Hilfsangebote, da die Hinterbliebenen zwar meist suizidale Anzeichen registrierten, aber unterschätzten.

Die Entschärfung bekannter Suizid-Hot-Spots ist ein weiterer wichtiger Ansatz zur Prävention, wie das Beispiel Bern zeigt: 29 Prozent aller Suizide dort sind auf Sprünge in die Tiefe zurückzuführen. Eine 40 Meter hohe Aussichtsterrasse - die Münsterplattform - wurde hierzu bis vor einigen Jahren oft genutzt. Viele Medienberichte zogen Suizidwillige auch aus dem Umland an. 1998 wurde ein Sicherheitsnetz unterhalb der Plattform angebracht; seitdem ist dort niemand mehr gesprungen. "Entgegen der Erwartung ist es auch an anderen Sprungorten, etwa der Kirchfeldbrücke, zu einem Rückgang der Sprungzahlen gekommen. Damit einher ging auch eine Abnahme der Medienpräsenz", sagte Dr. Thomas Reisch von der Psychiatrischen Uniklinik Bern.

Verschärfung des Waffenrechts ist gutes Mittel der Suizidprävention.

Auch ein erschwerter Zugang zu Waffen kann die Suizidrate reduzieren. Das Saarland hat nach Angaben der Psychologin Lembach bundesweit die höchste Verfügbarkeit von Schusswaffen - etwa jeder Zwanzigste besitzt legal eine Waffe - und auch die höchste Rate von Schusswaffensuiziden in Deutschland. In Österreich ist es dagegen 1997 nach einer Verschärfung des Waffenrechts zu einem signifikanten Rückgang sowohl der ausgestellten Waffenpässe als auch der Suizide durch Erschießen gekommen. Eine Verschiebung zu anderen Suizidarten habe es nicht gegeben, sagte Dr. Elmar Etzersdorfer, Psychiater am Furtbachkrankenhaus in Stuttgart. "Die Beschränkung des Zugangs zu Suizidmitteln, etwa durch Verschärfung des Waffenrechts, hat sich als gut belegte Strategie der Suizidprävention etabliert", so Etzersdorfer.

Besonders erfolgreich ist das "Bündnis gegen Depressionen", das sich deutschlandweit inzwischen in über 40 Städten und in Europa in 17 Ländern bewährt hat (Europäische Allianz gegen Depressionen, EAAD). Im Mittelpunkt stehen umfangreiche Aktionsprogramme, um die Versorgung von Depressiven und Suizidgefährdeten zu verbessern. Dies geschieht auf vier Ebenen, hat Professor Ulrich Hegerl von der Uniklinik Leipzig erläutert: "Kooperation mit Hausärzten, Aufklärung der Öffentlichkeit, Zusammenarbeit mit Multiplikatoren und Schaffung von speziellen Angeboten für Betroffene." Initiiert wurde das Bündnis im Jahr 2000 in Nürnberg. Dort sanken die Suizidraten innerhalb von vier Jahren um fast 50 Prozent: von 620 im Jahr 2000 auf 350 im Jahr 2004. Ähnlich erfolgreich ist das Projekt im benachbarten Regensburg, wie eine erste Auswertung erbracht hat.



Quelle: http://www.aerztezeitung.de/


Thema: Depressionen

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