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Donnerstag, 17.1.2008, 00:25:47 Uhr

Arbeitsplatzverlust ist ein großer Risikofaktor


Regionale Unterschiede | Existenzängste schlagen sich deutlich in den Patientenzahlen der Krankenkassen nieder
Viele Depressive scheuen sich, mit anderen darüber zu reden, weil sie die Erkrankung für einen Makel halten. Doch das ist der falsche Weg. Die Depression ist zu einer Volkskrankheit geworden, die jeden treffen kann. Wir sprachen mit Rudolf Degelmann, Direktor der AOK in Hof, über Häufigkeit und Hilfsmöglichkeiten.

Wie ist anhand Ihrer Statistiken die Situation bei den Depressionen, Herr Degelmann?

Leider können wir keine Zahlen nennen, weil uns über die Diagnosen keine vorliegen. Wir erkennen aber eine Häufigkeit von depressiven Erkrankungen anhand von Arbeitsunfähigkeit und den verordneten Medikamenten.

Das heißt, Depressionen nehmen zu?

Das ist eindeutig so, keine Frage. Wir sehen das, wie gesagt, bei den Medikamenten, die eingesetzt werden. Nun ist es aber so, dass diese Medikamente auch in anderem Zusammenhang verordnet werden können und deshalb ist es schwierig, eine Zunahme mit Zahlen zu untermauern. Wir erkennen auch regionale Unterschiede, dass beispielsweise in bestimmten Lebenssituationen die Arbeitsunfähigkeit steigt.

Welche regionalen Unterschiede sind das?

Man merkt deutlich, dass in Regionen, die von Arbeitsplatzverlusten betroffen sind, mehr Patienten mit Arbeitsunfähigkeit festgestellt werden.

Heißt das, wenn in Selb oder Münchberg eine größere Firma Leute entlässt, dass sich das bei den Krankenzahlen niederschlägt?

Ja, das stimmt. Die Leute haben Existenzängste und das merken wir an den Patientenzahlen. Natürlich ist das unwissenschaftlich, aber die Existenzängste unserer Versicherten sind anhand der Verordnungen und Krankschreibungen nachvollziehbar. Und aus Existenzängsten kann sich dann sehr leicht eine Depression entwickeln. Wenn man eine gewisse Perspektivlosigkeit hat und noch ein organisches Leiden dazukommt, das für sich gar nicht dramatisch ist wie beispielsweise Rückenbeschwerden, dann kann das in die Depression führen. Natürlich ist es immer individuell zu sehen. Die Menschen sind nicht gleich und reagieren ganz unterschiedlich.

Welche Rolle spielt der gesellschaftliche Wandel, in dem wir im ganzen Land mittendrin stecken?

Eine sehr große. Der Arbeitsplatzverlust ist der eine große Risikofaktor, der andere der gesellschaftliche Wandel. Die zwischenmenschlichen Bindungen sind nicht mehr so ausgeprägt. Da gibt es alte Menschen, die allein sind, gescheiterte Ehen oder Kinder, die in Situationen geraten, die gesellschaftlich bedingt sind. Insbesondere wenn Ehen auseinanderbrechen, erkennt man, dass es über die Arbeitsunfähigkeit oft zur Depression führt.

Das heißt, bei den Ausgaben der Krankenkassen spielen Depressionen eine große Rolle?

Ja, das ist unstrittig. Bei den Medikamentenkosten sind Depressionen der Haupttreiber.

Wo bekommt man Hilfe, wenn man selbst oder ein Angehöriger an Depressionen leidet?

Es ist immer wichtig, in ärztliche Behandlung zu gehen. Das ist schon deshalb unerlässlich, weil man nach anderen möglichen Ursachen für die Beschwerden suchen muss. Das könnten auch Nebenwirkungen von Medikamenten sein, durchaus von frei verkäuflichen. Man sollte also zum Arzt seines Vertrauens gehen, der wahrscheinlich nach Abklärung der Symptome zum Facharzt überweist. Gute Erfolge bringt eine psychotherapeutische Behandlung.

Welche Rolle spielt das Umfeld des Patienten?

Ich bin der Meinung, dass eine Integration in der Gesellschaft ganz wichtig ist. Man muss versuchen, unter Leute zu gehen. Es gibt Selbsthilfegruppen, die wir auch unterstützen, und die Erfahrung zeigt, dass es gut tut, sich mit Menschen auszutauschen, die das gleiche Leiden haben. Aber an der ärztlichen Behandlung führt nichts vorbei. Man kann auch direkt zu einem Psychiater gehen. Psychotherapie ist das dritte Standbein in der gesetzlichen Krankenversicherung.

Nun sind gerade Psychiater dafür bekannt, dass sie lange Wartezeiten haben.

Das ist in allen fachärztlichen Bereichen so. Deshalb unterstützen wir jede Möglichkeit, bei den Ärzten zu einer bedarfsgerechten Versorgung zu kommen. Die lange Wartezeit auf Termine ist in der Tat nicht ganz unproblematisch. Das liegt natürlich auch an der Behandlung, denn sie ist langwierig. Das ist aber kein spezielles Hofer oder Wunsiedler Problem, sondern überall so. Eine psychotherapeutische Behandlung ist sehr zeitaufwendig. Deshalb kommt es zwangsläufig zu Engpässen.


Thema: Depressionen

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