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Dienstag, 15.4.2008, 19:26:03 Uhr

Antidepressiva: für Krebskranke mehr als Mittel, die die Stimmung aufhellen?



Von Nicola Siegmund-Schultze

Eine lebensbedrohliche Diagnose, eine Op mit sichtbaren Körperschäden, Schmerzen und unerwünschte Folgen von Radio- und Chemotherapie: kein Wunder, dass fast jeder zweite Krebspatient auch Depressionen hat. Die besondere Gefahr: Depressionen reduzieren die Chancen für eine erfolgreiche Krebstherapie.

Nach Studiendaten haben bis zu 46 Prozent der Tumorpatienten auch Depressionen, berichtet Privatdozent Martin Schäfer von den Kliniken Essen-Mitte (Der Onkologe 7, 2007, 632). Und das ist für die Krebstherapie nicht gerade günstig: "Aus Studien ergeben sich Hinweise darauf, dass Depressionen den Erfolg der Tumor-Therapie beeinträchtigen und die Überlebensrate reduzieren", stellt Schäfer fest. So hatte zum Beispiel die retrospektive Analyse von 10 025 Patienten eines US-Surveys ergeben: Die Acht-Jahres-Sterberate von Patienten mit einem Malignom plus Depression liegt um 44 Prozent höher als bei Krebskranken, die nicht depressiv waren (Gen Hosp Psychiatry 5, 2006, 396). In einer anderen Studie fand sich eine dreifach höhere EinJahres-Sterberate für Patienten mit hämatologischen Tumoren und Depressionen als mit ähnlicher somatischer Krankheit ohne Depression.

Schäfer hält es daher für möglich, dass eine antidepressive Therapie die Mortalität bei Krebskranken senken könnte. Belegt ist dies bislang allerdings nicht eindeutig. Erste, aufsehenerregende Daten hatte im Jahr 1989 der Psychiater Professor David Spiegel aus Stanford vorgestellt. Eine psychoonkologische Gruppentherapie habe die Überlebenszeit bei Mammakarzinom im Schnitt auf 36 Monate erhöht und damit fast verdoppelt, berichtete Spiegel damals. Ergebnisse von Folgeuntersuchungen mit ähnlicher Fragestellung waren allerdings widersprüchlich. Eine erfolgreiche antidepressive Therapie hilft jedoch, Schmerzen und Angstzustände zu vermindern und die Krankheit besser zu bewältigen.

Der Bedarf ist groß. Etwa die Hälfte der Krebspatienten bedürfe professioneller seelischer Unterstützung, schätzt die Arbeitsgemeinschaft Psychosoziale Onkologie in der Deutschen Krebsgesellschaft. Und 46 Prozent der palliativmedizinischen Patienten, für die ein psychiatrisches Konsil angefordert wurde, hatten Depressionen, so Schäfer. Anhaltende Belastungen können über die Stress-Hormon-Achse Stoffwechselprozesse und die Ausschüttung von Neurotransmittern verändern.

Eine Depression ist bei Krebspatienten häufig, wenn ein fortgeschrittenes Tumorstadium vorliegt und Depressionen in der Anamnese oder in der Familie auftreten. Risikofaktoren sind auch Alkoholmissbrauch, hormonelle Störungen, familiäre oder soziale Probleme sowie weibliches Geschlecht - Frauen mit Krebs haben doppelt so häufig eine Depression wie Männer mit einem Malignom. Chronische Schmerzen, Missempfindungen oder funktionelle Einschränkungen förderten ebenfalls depressive Störungen bei Krebspatienten, so Schäfer.

Bei leichten depressiven Verstimmungen könnten psychosoziale und psychotherapeutische Unterstützung ausreichen, bei mittelschweren oder schweren depressiven Syndromen stehe die medikamentöse Behandlung im Vordergrund, eine gezielte psychotherapeutische Begleitung sollte erwogen werden. Die Medikation orientiere sich an den Leitlinien, wobei Wechselwirkungen mit Krebstherapeutika berücksichtigt werden müssen. Neuere Antidepressiva wie SSRI oder SNRI eigneten sich für multimorbide Palliativpatienten wegen ihrer guten Verträglichkeit. Es dauert allerdings 10 bis 14 Tage, bis die Substanzen effektiv wirken.



Quelle: http://www.aerztezeitung.de/


Thema: Depressionen

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